vielfältig

Geliebter Kleingarten... oder: Einfalt - Vielfalt

Herr Plump ging in seinen kleinen Schrebergarten. Und mußte warten. Ja, worauf? - Auf Taten.

Gelangweilt saß der Mann mit dem bulligen Gesicht und den Hängebacken wie eine wachsame Bulldogge auf seiner Terrasse vor der steinernen, einfachen Laube und schaut über seine dicke Knollennase - nicht in sein grünes Reich, sondern in ein Buch. Er ist fast so breit wie groß und kugelrund. Er thronte auf einem gediegenen Holzstuhl ohne Armlehne. So konnte er bequem?... sitzen. - Sitzt jemand bequem auf einem Stuhl, wenn er eigentlich zwei Sitzflächen benötigt? -

Gerade aufgeschlagen, legte er das Buch wieder aus der Hand. Er stand auf und schaukelte wie ein wabbelndes Schiff durch das glatte, ruhige Grün seines Garten. Sein Kurs war geradezu das Gartentor.
Er schaute den öffentlichen Weg vor seinem Pachtgrundstück auf und ab. Kam niemand Bekanntes, ein Gartenfreund, mit dem man ein Schwätzchen halten könnte?

Sie waren seine liebsten Gesprächspartner. Hier wußte er sich in bester Gesellschaft. Alle, ja, alle! dachten so wie er, wobei er die Mehrzahl der Gartenfreunde im Blick hatte. Wie eine Kamera nur das im Bild einfängt, worauf sie fokussiert wurde, lagen auch seine Gedanken in Bildbreite.

Andere Menschen wandelten außerhalb seines Horizontes.
Er horchte fernerhin nicht auf andere Strömungen. Er pochte auf die Richtung, die ihm vertraut war.

Er war das Zentrum einer lähmenden Atmosphäre. Er wickelte die Menschen ein und hängte sie an sein Netz wie eine Spinne, die eine Beute gefangen hatte. Wenn er sein intrigantes Gift verspritzte, paralysierte er seine Freunde wie mit dem Gift einer Vogelspinne und machte sie denkunfähig.

Herr Plump hatte Pech. Kein Bekannter in Sicht. Daher setzte er sich wieder auf seinen bequem-unbequemen Stuhl auf der Terrasse.

Sein Garten bestand aus einem großen, englischen Rasen, umrandet von einer kaum einsehbaren Schneebeerenhecke.
Ein schnurgerader Weg führte vom Gartentor zur Laube, eingesäumt von zwei schmalen, abgezirkelt-rechteckigen Beetflächen. In diesen wuchs auf der einen Seite ein rosa blühender Phlox, auf der anderen Seite prunkten im Sommer einige prächtige Gladiolen.

Wehe, wenn sich ein Hälmchen wagte, aus dem Boden zu lugen. Dann zeigte ihm Herr Plump, wer hier in diesem Garten die Macht hat. In seinem Landstück war er König, nein Kaiser - nein - sogar der liebe Gott.
ER bestimmte, was am Leben blieb oder was er vernichtete. In dieser Hinsicht ließ er nicht mit sich spaßen. Rigoros packte er jedes vorwitzige Babykeimblatt an den Ohren und zog es unbarmherzig heraus. Oder hackte es ab. Groß werden sollte dieser unbekannte Keimling-Eindringling bei ihm nicht.

Wundervoll übersichtlich war sein Garten. Das war für ihn der Maßstab aller Dinge.

Das überschaubare machte die Sache überschaubar, bot Bequemlichkeit und Schutz. Schutz vor dem Unüberschaubaren, was die Grenzen des Erfaßbaren sprengt, was in dem Nicht-Erkennbaren der düsteren Phantasie Tür und Tor öffnet. Schreckliche Dämone, gefährliche Untiere könnten sich dort einnisten.

Herr Plump hatte feste Ansichten: Ein Garten hat so oder so ähnlich wie seiner auszusehen. Daran wird das Aussehen der übrigen Parzellen gemessen. Was dem nicht ähnelte, gehörte gemordet. Seine Toleranzbreite tendierte gegen Null wie bei technischen Normwerten. Seine unwissende Seele war Vorurteilen verhaftet.

Eine ganz einfache Gleichung machte der sich stinknormal fühlende Herr Plump auf: Ein Gleicher unter Gleichen hat sich gleich den anderen zu verhalten. Wer nicht prominent ist, sondern Gleicher unter Gleichen, hatte nicht das Recht, sich anders zu verhalten als die Masse. Abweichendes Verhalten kreidete der Gartenfreund dem Dreisten böse an.

Herr Plump hatte ein Problem. Das bestand in seiner Gartennachbarin Frau Laub. Die konnte er auf den Tod nicht riechen. Die haßte er bis aufs Blut. "Zur Hölle mit ihr," dachte Herr Plump. Sie war der Stachel in seiner kleinen-großen, großen-kleinen Gartenseele. Am liebsten würde er diese Frau umbringen.

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